
Neuanfang
Morgen fang ich an: Warum wir Dinge aufschieben – und was dahintersteckt
Morgen fang ich an: Warum wir Dinge aufschieben – und was dahintersteckt
Du willst endlich anfangen – und findest trotzdem immer wieder etwas, das gerade dringender erscheint? Aufschieben hat nicht immer mit fehlender Disziplin zu tun. Manchmal ist eine Aufgabe einfach zu groß. Und manchmal lohnt es sich, genauer hinzusehen, warum wir ausgerechnet diesen einen Schritt immer wieder auf morgen verschieben.
Morgen ist auch noch ein Tag
Ich kann Aufschieben richtig gut. Also wirklich richtig gut. Ich bin quasi Vollprofi darin, Dinge so lange liegen zu lassen, bis sie kurz davor sind, ernsthafte Schwierigkeiten zu verursachen.
Ich schreibe To-do-Listen, um mich produktiv zu fühlen, während ich damit eigentlich nur neue To-dos produziere. Ich denke: Das räume ich später auf. Das mache ich morgen. Damit fange ich am Montag an. Und dann ist plötzlich Dienstag. Nächste Woche. Oder 2026.
Vor Kurzem habe ich beim Ausmisten eine Kiste mit alten DVDs gefunden. Ganz oben lag „Vom Winde verweht“, früher einer meiner absoluten Lieblingsfilme. Und sofort musste ich an Scarlett O’Hara denken. Ihr Umgang mit unangenehmen Dingen war herrlich konsequent: Was heute zu schwierig war, konnte man schließlich auch morgen klären.
Ich habe das damals schon gefühlt. Und heute irgendwie immer noch. Morgen ist eben auch noch ein Tag. Und übermorgen übrigens auch.
Bei mir funktioniert dieses Prinzip erstaunlich lange. Wenn es dann allerdings wirklich ernst wird, kann ich plötzlich arbeiten wie ein Uhrwerk. Sobald die Deadline quasi atmet und der Druck groß genug ist, geht in zwei Stunden, was vorher zwei Wochen auf meiner Liste herumlag.
Das Problem: Die Sache ist zwar am Ende erledigt, aber der Weg dorthin besteht aus Stress, Chaos und diesem kleinen schlechten Gewissen im Hinterkopf, das sagt: Hättest du ja auch früher machen können.
Also stellt sich die Frage: Warum machen wir das eigentlich?
Warum wir Dinge aufschieben
Meistens wissen wir ziemlich genau, was getan werden müsste. Die Steuererklärung verschwindet nicht von allein. Das schwierige Gespräch wird nicht angenehmer, wenn wir noch drei Wochen warten. Und die Kiste im Flur steht morgen vermutlich immer noch da.
Trotzdem erscheint plötzlich alles andere interessanter. Das liegt nicht automatisch daran, dass wir faul oder undiszipliniert sind. Besonders Aufgaben, die unangenehm, unklar oder riesig wirken, lösen Widerstand aus. „Ich muss endlich meine Steuer machen“ fühlt sich eben ganz anders an als „Ich suche heute meine Unterlagen zusammen“.
Und dann gibt es natürlich noch die schnellen Ablenkungen. Eigentlich wollten wir nur kurz aufs Handy schauen – und eine halbe Stunde später wissen wir zwar, was irgendeine fremde Frau zum Frühstück gegessen hat, aber unsere eigene Aufgabe liegt immer noch da.
Manchmal sind wir sogar ausgesprochen produktiv beim Aufschieben. Du willst die Wohnung aufräumen und sortierst stattdessen die Gewürzschublade alphabetisch. Du willst die Wäsche machen und findest dich mit einem alten Fotoalbum auf dem Boden wieder. Oder du möchtest endlich mit einer Aufgabe beginnen und entwickelst vorher ein komplett neues Notizbuch-System, mit dem du künftig viel organisierter arbeiten wirst.
Letzteres beherrsche ich besonders gut. Das Machen verschieben, indem man das Planen perfektioniert.
Vielleicht liegt genau darin ein wichtiger Unterschied: Nicht jedes Aufschieben bedeutet dasselbe. Manchmal wollen wir einer lästigen Aufgabe entkommen. Manchmal fühlen wir uns von ihrer Größe erschlagen. Und manchmal steckt hinter unserem Widerstand noch etwas ganz anderes.

Was dein Aufschieben dir vielleicht sagen will
Es gibt Aufgaben, bei denen es hilft, sie einfach kleiner zu machen und anzufangen. Aber es gibt auch Dinge, die wir immer wieder verschieben, obwohl sie uns angeblich wichtig sind. Dann finde ich eine andere Frage spannender:
Will ich das wirklich – oder will ich nur wollen, dass ich es will?
Wir tragen ziemlich viele Vorstellungen darüber mit uns herum, was wir tun sollten. Man sollte Sport machen, meditieren, früher aufstehen, produktiver sein, seine Ziele kennen und am besten noch eine Morgenroutine haben, bevor der erste Kaffee durchgelaufen ist.
Nach einer Trennung oder einem anderen Wendepunkt kommen gerne noch ein paar „Solltes“ dazu. Man sollte irgendwann darüber hinweg sein. Man sollte wieder ausgehen. Man sollte das neue Leben genießen. Man sollte offen für etwas Neues sein.
Aber vielleicht willst du gerade gar nicht. Vielleicht möchtest du ausschlafen, in Ruhe Kaffee trinken und dein Leben eine Weile nicht optimieren. Vielleicht passt ein Ziel, das du dir vor zwei Jahren gesetzt hast, heute überhaupt nicht mehr zu dir.
Und manchmal schieben wir nicht einmal die eigentliche Aufgabe auf, sondern das, was sie für uns bedeutet. Das Aussortieren bestimmter Dinge kann heißen, sich wirklich von einem Teil des alten Lebens zu verabschieden. Eine Bewerbung zu schreiben kann bedeuten, sich einzugestehen, dass man beruflich etwas verändern möchte. Ein Telefonat kann eine Entscheidung nach sich ziehen, vor der man sich bisher gedrückt hat.
Gerade in Zeiten des Neuanfangs können scheinbar kleine Schritte deshalb erstaunlich groß werden. Sie verändern etwas. Vielleicht nur ein bisschen – aber manchmal eben genau genug, um uns zögern zu lassen.
Dann muss die Antwort nicht automatisch lauten: Reiß dich zusammen und mach endlich.
Vielleicht lohnt sich vorher die Frage: Was genau halte ich hier eigentlich fest?

6 Dinge, die gegen Aufschieben helfen können
Natürlich ist nicht jedes unerledigte To-do eine Botschaft aus unserem Innersten. Manche Dinge müssen schlicht erledigt werden. Leider interessiert sich das Finanzamt nur begrenzt für persönliche Entwicklung. Für solche Fälle helfen mir ein paar ziemlich einfache Strategien.
1. Mach es kleiner
„Ich muss die ganze Wohnung aufräumen“ klingt nach einem Projekt für ein verlängertes Wochenende. „Ich räume heute eine Schublade auf“ klingt machbar. Zerlege große Aufgaben so lange, bis der erste Schritt klein genug ist, dass du keine große Überwindung mehr dafür brauchst.
Du musst nicht heute den ganzen Berg bezwingen. Es reicht, wenn du weißt, wo der Weg beginnt.
2. Gib dir fünf Minuten
Sag dir nicht, dass du etwas fertig machen musst. Nimm dir nur fünf Minuten dafür. Danach darfst du wieder aufhören.
Oft ist nämlich nicht die Aufgabe selbst das größte Hindernis, sondern das Anfangen. Wenn du erst einmal dabei bist, machst du vielleicht weiter. Und falls nicht, hast du immerhin fünf Minuten investiert statt gar nicht angefangen.
3. Schaff dir Struktur – aber keine Zwangsjacke
Wenn du kein Morgenmensch bist, musst du dein produktivstes Leben nicht um sieben Uhr morgens führen, nur weil andere behaupten, erfolgreiche Menschen würden das so machen. Finde heraus, wann und wie du gut funktionierst, und richte deine Struktur danach aus.
Eine gute Routine soll dir das Leben leichter machen. Nicht dir jeden Tag beweisen, dass du angeblich falsch funktionierst.
4. Mach aus „irgendwann“ einen Termin
„Irgendwann“ ist leider kein Datum im Kalender. Mir hilft deshalb Verbindlichkeit. Ich trage einen Termin ein oder sage jemandem: „Ich schicke dir das morgen.“ Plötzlich existiert eine kleine Deadline – und erstaunlicherweise funktioniert das bei mir ziemlich gut.
Wenn du ebenfalls unter etwas Druck besser arbeitest, kannst du das bewusst nutzen. Nur vielleicht ein bisschen früher, bevor wieder der komplette Feueralarm ausbrechen muss.
5. Mach es dir ein bisschen schöner
Musik an, Kaffee dazu, einen angenehmen Platz suchen – unangenehme Aufgaben müssen nicht auch noch unter unangenehmen Bedingungen stattfinden.
Nein, die Steuererklärung wird dadurch vermutlich nicht zu deinem neuen Lieblingshobby. Aber sie darf sich wenigstens ein bisschen weniger nach Strafarbeit anfühlen.
6. Hör auf, kleine Schritte kleinzureden
Ich habe ja nur angefangen. Ich habe nur eine Schublade geschafft. Ich habe nur den Termin vereinbart.
Streich das „nur“.
Du hast angefangen. Du hast eine Schublade geschafft. Du hast den Termin vereinbart. Genau daraus entsteht Bewegung. Gerade wenn du dein Leben neu sortierst, besteht Veränderung selten aus einem einzigen großen Moment. Meistens sind es viele kleine Entscheidungen, die irgendwann eine neue Richtung ergeben.

Nicht alles, was du aufschiebst, musst du irgendwann tun
Vielleicht ist das die Erkenntnis, die ich beim Thema Aufschieben inzwischen am wichtigsten finde: Nicht jedes To-do braucht dieselbe Antwort.
Manches muss erledigt werden. Dann hilft ein kleinerer Anfang.
Manches ist einfach zu groß. Dann darfst du es in Schritte zerlegen.
Und manches steht vielleicht nur noch auf deiner inneren Liste, weil du irgendwann einmal beschlossen hast, dass du es wollen solltest.
Gerade nach einem Wendepunkt lohnt es sich, diese alten Listen gelegentlich anzuschauen. Welche Ziele gehören noch zu dir? Welche Erwartungen hast du von anderen übernommen? Und was versuchst du immer wieder in dein Leben zu drücken, obwohl du längst merkst, dass es nicht mehr passt?
Ein Neuanfang besteht nicht nur darin, neue Dinge anzufangen. Manchmal besteht er auch darin, etwas nicht mehr tun zu müssen.

Morgen ist auch noch ein Tag
Ich ärgere mich inzwischen weniger über meine kreativen Umwege. Wenn ich mich wieder dabei erwische, wie ich eine Aufgabe kunstvoll umkreise, statt sie anzufangen, sage ich mir manchmal: Ach komm, Tanja. Du bist keine Aufschieberin. Du hast einfach ein ausgeprägtes Talent für kreative Umwege.
Und dann schaue ich genauer hin: Muss ich das einfach erledigen? Muss ich es kleiner machen? Oder will ich es vielleicht gar nicht mehr?
Scarlett hatte schließlich recht: Morgen ist auch noch ein Tag. Nur muss nicht alles bis morgen warten. Manchmal reichen heute fünf Minuten.
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